Das neue Gierig

Gierig auf Geld war gestern. Heute besinnt man sich auch in der Wirtschaftswelt auf das Gemeinwohl. Stehen wir vor der Wende zu einem gutmütigen Kapitalismus?

Text Susanne Pitro
Illustrationen Armin Barducci

Peinlichst genau Buch zu führen: Das gehört zum ABC der Unternehmensleitung. Beim Pustertaler Freiraumgestalter Euroform passiert dies nicht nur mit Kosten, Investitionen oder Umsätzen, sondern auch mit den direkten und indirekten CO2-Emissionen des Unternehmens. Mehr als 200 Tonnen des klimaverändernden Treibhausgases fallen jährlich auf der Sollseite dieser Buchführung an, auf der Habenseite stehen dagegen viele neue Tropenbäume. Mehr als 18.000 wurden seit dem Jahr 2008 indirekt durch Euroform in einem Regenwald in Panama gepflanzt – durch den Kauf von Grünzertifikaten, mit deren Geld Wiederaufforstungsprojekte finanziert werden.

16 Hektar Tropenwald, um die eigenen Produkte als klimaneutral zu verkaufen – das ist nur eine von vielen Maßnahmen, mit denen sich der Betrieb aus Sand in Taufers zu einem der Südtiroler Pioniere in Sachen nachhaltiges Wirtschaften entwickelt hat. Ob Umweltmanagementsysteme, Gemeinwohlbilanz oder Errechnung des ökologischen Fußabdrucks, ob „100 % Made in Italy“-Garantie für die gesamte eigene Produktpalette oder soziales Engagement für Straßenkinder in Bukarest oder Ruanda: All das ist bei dem Produzenten von Stadtmobiliar und Entwickler von öffentlichen Plätzen, Skateparks oder Spielplätzen Teil des unternehmerischen Tuns. „Ein Industrieunternehmen wird nie zu 100 Prozent grün sein“, räumt Firmenchef Bernhard Winkler ein. „Doch wir versuchen unseren Fußabdruck so klein wie möglich zu halten.“ Ein Bemühen, das in der Überzeugung Winklers – Architekt, Professor an der TU München und Unternehmer – Aufgabe jedes Menschen sein sollte. „Schließlich sind wir dafür verantwortlich, dass nachfolgende Generationen auch etwas vom Kuchen haben und ihnen nicht nur die Brösel bleiben.“

Leuchtturmunternehmen werden Betriebe wie Euroform beim Terra Institute aus Brixen genannt, das sich für ein „neues Wirtschaften“ starkmacht. Leuchtturmunternehmen sind demnach Unternehmen, die verstanden haben, dass Ökonomie im Einklang mit Umwelt und Sozialem stehen muss. Betriebe, die sich auf eine neue Art von Konsument eingestellt haben, der durch soziale Netzwerke und Bewertungsportale besser informiert ist als je zuvor und teils aktiv auf die Geschäftsgebarung einwirkt. Ehrlichkeit, Authentizität, Ressourcen sparen, gut mit Mitarbeitern umgehen – wer solche Werte in seinem Betrieb tatsächlich lebt, findet nicht nur mehr Freude und Sinn im Unternehmersein, sagt Terra-Berater und Gastwirt Klaus Egger: „Nachhaltige Unternehmensstrategien können heute auch konkret Geld bringen.“

 

Gemeinwohlökonomie, Corporate Social Responsibility, Work-Life-Balance: Begriffe, die wie ein Katermittel gegen die Folgen des großen Rausches wirken

 

Die Nachfrage nach Alternativen zur bestehenden Wirtschaftsordnung war selten größer als heute. Spätestens mit der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise des vergangenen Jahrzehnts wurde auch den glühendsten Verfechtern von grenzenlosen und liberalisierten Märkten die Kehrseite des Leitmotivs „Immer größer, immer schneller, immer mehr“ bewusst. Ob Flüchtlingskrise, Klimawandel oder Lebensmittelskandale, Heerscharen von jungen Menschen ohne Chance auf Arbeit oder versiegende Rohstoffe: Immer augenscheinlicher werden die Symptome, die anzeigen, dass etwas in die falsche Richtung läuft. „Unser Wirtschaftssystem ist wie ein großer Ballon mit vielen Löchern“, sagt Bernhard Winkler. „Man versucht zwar immer wieder aufs Neue, ein Loch zu stopfen. Doch das ist kein Agieren, sondern nur mehr ein Reagieren auf Situationen, die man nicht mehr unter Kontrolle hat.“ Vor allem, wenn man bedenkt, dass die Generation, die heute in westlichen Ländern auf den Arbeitsmarkt nachrückt, weder den Hunger kennt, der zum Wachstumsimperativ des vergangenen Jahrhunderts geführt hat, noch die Bereitschaft zu haben scheint, ihr Leben derart vom Geldverdienen bestimmen zu lassen, wie sie es bei ihren Eltern miterlebt hat.

Auch deshalb übernehmen Mainstream-Unternehmen heute so manches, das vor einem Jahrzehnt noch als grüne Spinnerei belächelt wurde, als Strategie gegen den wachsenden Vertrauensverlust und die Übersättigung vieler Konsumenten. Einen Beweis dafür liefert das Brixner Terra Institut. „Kompetenzzentrum für Innovation und Zukunftsfähigkeit von Unternehmen und Gesellschaft“ nennt sich das von Günther Reifer und Evelyn Oberleiter gegründete Beratungsunternehmen selbst. Sieben Jahre nach der Gründung arbeiten gut zwei Dutzend Berater in Italien, Österreich, Deutschland und der Schweiz für Terra. Etwa 30 bis 40 Projekte werden im Schnitt parallel betreut; unter den Kunden finden sich auch Kolosse wie der deutsche Versanddienst Hermes mit seinen rund 10.000 Mitarbeitern. Haifische im bestehenden System, die dennoch auf der Suche nach neuen Ansätzen sind. Die Felder, auf denen Terra mit ihnen arbeitet, reichen von Energieberatung über Organisationsentwicklung bis hin zur Strategiefindung. Im Mittelpunkt stehen durchaus klassische Fragen à la „Wo will ich in zehn Jahren stehen?“. „Es gilt, gemeinsam mit unseren Kunden Alternativen zum ,Ich will der Beste oder Größte auf dem Markt sein‘ zu entwickeln“, erklärt Klaus Egger. „Wir definieren, in welches System sie eingebettet sind und was sie als Unternehmer für die Menschen darin tun können.“

Heute übernehmen Mainstream-Unternehmen so manches, das vor einem Jahrzehnt noch als grüne Spinnerei belächelt wurde

 

Gemeinwohlökonomie, Corporate Social Responsibility, Work-Life-Balance: Begriffe, die wie ein Katermittel gegen die Folgen des großen Rausches wirken, zu dem ein globaler und in vielen Bereichen deregulierter Markt in mancherlei Hinsicht geführt hat. Less is more, heißt es deshalb immer öfter auch in Südtirol. Ansätze des österreichischen Wirtschaftspublizisten Christian Felber vom guten Leben statt dem Streben nach Geld oder von Kooperation statt Konkurrenz finden sich nicht nur in einem Beschlussantrag des Südtiroler Landtags wieder, in dem Ende 2014 ein Paket zur Förderung der Gemeinwohlökonomie verabschiedet wurde. Rund 60 Südtiroler Unternehmen haben bis heute eine Gemeinwohlbilanz erstellt; mit den Vinschgauer Gemeinden Laas, Mals, Latsch und Schlanders gibt es hierzulande gar die erste Gemeinwohl-Region Europas.

Doch auch darüber hinaus tut sich so einiges im Nachhaltigkeitssektor. Im Lebensmittelbereich boomen Bioläden, Bauernmärkte und Geschäftsideen wie Pur Südtirol, das regionalen Produkten ein stylisches Verkaufsambiente bietet. Das Konzept des ersten verpackungsfreien Supermarktes im Land sorgte schon vor seiner Umsetzung für breites mediales Interesse. „Einkaufen wie zu Omas Zeiten“ lautet das Motto von NOVO. Unter diesem Namen wollen die Hebamme Maria Lobis und ihr Mann Stefan Zanotti so bald wie möglich unverpackte, schadstofffreie Lebensmittel und Produkte verkaufen. Noch scheitert die Eröffnung an den hohen Mieten der Geschäftslokale im Bozner Stadtzentrum, sagt Maria Lobis. Mit NOVO geht es dem Unternehmerpaar auch darum, Menschen zum Umdenken zu bringen, ihnen vor Augen zu führen, dass Konsum und Genuss auch ohne einen gigantischen Plastikverbrauch möglich sind. „Dazu brauchen wir natürlich Sichtbarkeit. Doch bislang haben wir niemanden gefunden, der uns mit einer fairen Miete dabei unterstützen würde“, sagt Lobis.

Wenn Gewinn gegen Gemeinwohl steht, behält eben auch heute noch in den meisten Fällen das Geld die Überhand. Die Chance, sich tatsächlich als Alternative zum bisherigen Weg zu etablieren, erhalten ganzheitliche unternehmerische Konzepte, wenn das eine das andere nicht ausschließt, meint Terra-Berater Klaus Egger. Vor allem im B2C-Bereich, im direkten Geschäft mit Konsumenten, sieht er die Zeit dafür bereits heute reif. „Wer Ressourcen spart, tut nicht nur der Natur etwas Gutes, sondern spart auch Kosten“, sagt Egger. Wer seine Mitarbeiter gut behandelt, ist nicht nur sozial, sondern hat auch motiviertes und effizienteres Personal.

Ein Aspekt der Corporate Social Responsibility, der auch bei einer der führenden Angebotsgruppen in Südtirols Tourismusbranche seit Langem gelebt wird. 27 Vier-Sterne-Plus- und Fünf-Sterne-Wellnesshotels sind Mitglieder der Belvita-Gruppe. „Heute kann man in diesem Bereich nicht mehr durch weitere Infrastruktur punkten, sondern vor allem durch kompromisslose Servicequalität“, sagt Geschäftsleiter Michael Oberhofer. Um diese zu erreichen, muss das Wohl der eigenen Mitarbeiter genauso wichtig sein wie jenes der Gäste. Mit Maßnahmen wie intensiver Weiterbildung oder regelmäßigen, stark vergünstigten Wellness-Auftankphasen in den Betrieben der Gruppe wird darauf geachtet, dass die Belvita-Hotels auch für die eigenen Mitarbeiter Synonym für Lebensqualität und Freude sind, heißt es im Leitsatz der Gruppe.

Ob all dies tatsächlich reicht, um von einer Wende zu einem sanfteren Kapitalismus zu sprechen, der das Wohlbefinden des Menschen in den Mittelpunkt stellt, bleibt vor allem fraglich, wenn man eine globale Perspektive einnimmt. „Ich glaube vielmehr, es geht in Richtung extremer, weltbeherrschender Größen, die die Gesellschaft total verändern und mit dieser Veränderung ihr Businessmodell etablieren“, meint beispielsweise ein dem Nachhaltigkeitsgedanken gegenüber aufgeschlossener Unternehmer wie Ulrich Ladurner, Präsident der Dr. Schär AG. Auch Nachhaltigkeitspionier Bernhard Winkler ist nicht zuletzt angesichts aufstrebender Wirtschaftskräfte in Indien, China oder Afrika eher skeptisch, dass es gelingt, tatsächlich eine sanfte Wende über die Bühne zu bringen. Umso wichtiger ist ihm selbst, das Beste aus der Situation zu machen. „Natürlich kann niemand von uns die Welt verändern“, sagt er. „Doch jeder, der sich in diese Richtung engagiert, schafft einen Tropfen. Und auch viele Tropfen ergeben einen See.“ m

magari ist ein Projekt von

è un progetto di

magari ist ein Projekt von / è un progetto di